Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Die Fragen beantworten Dr. Stixrud, Dr. Grosswald und Dr. Krag.

William Stixrud

Dr. William Stixrud ist klinischer Neuropsychologe und Leiter der Gemeinschaftspraxis William Stixrud und Kollegen in Silver Spring, Maryland, USA. Seine Spezialgebiete sind Lern- und Aufmerksamkeits- sowie soziale und emotionale Störungen. Dr. Stixrud ist zudem Lehrbeauftragter am Children's National Medical Center in Washington, D.C. Er graduierte in Psychologie an der University of Minnesota. An der University of Washington graduierte er mit "Magna Cum Laude".

Sarina Grosswald

Kognitives Lernen ist das Fachgebiet der Pädagogin Sarina Grosswald. Erstmals untersuchte sie im Rahmen einer Studie die Wirkungen der Transzendentalen Meditation bei Kindern mit sprachbasierten Lernstörungen. Über die Ergebnisse ihrer Arbeiten berichteten amerikanische Medien landesweit, darunter die Fernsehsender PBS und ABC News.

James Krag

Dr. James Krag ist Arzt (Psychiater) und Mitglied der American Psychiatric Association und war einige Zeit Präsident der Psychiatric Society of Virginia und der Virginia Association of Community Psychiatrists, USA. Derzeit behandelt er traumatisierte US-Veteranen an einer Klinik in Harrisonburg, Virginia.

Frage: Der Alltag unserer Kinder wird immer komplizierter. Sie sind einer Flut medialer Reize und wachsenden Anforderungen ausgesetzt - offensichtlich stehen Kinder heute stärker unter Stress als früher. Begünstigt Stress die ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und andere Probleme?
Antwort

Dr. Stixrud: Kinder mit mangelhaften Schulleistungen, die verhaltensauffällig sind und unter Depressionen oder neurologischen Erkrankungen leiden, sehe ich täglich in meiner Praxis. Stress spielt dabei eine wichtige Rolle. Viele dieser Kinder haben ADHS. Zweifellos beeinträchtigt Stress die Lernfähigkeit eines Kindes ganz erheblich. Forschungsergebnisse

Frage: Was bedeutet Stress für Kinder in der Schule?
Antwort

Dr. Stixrud: Unsere Reaktionen auf Stress, auch als »Bereitschaft zu Kampf oder Flucht« zu verstehen, haben sich über Millionen von Jahren entwickelt. Sie schützen uns vor Gefahr, denn unter Stress sind wir nicht fähig, klar zu denken. Hätten unsere Vorfahren angesichts eines hungrigen Tigers zu lange nachgedacht, hätte der Tiger sie gefressen und sie hätten uns ihre Gene nicht weitervererben können. Die Natur schützt uns also, indem sie verhindert, dass wir unter Stress nachdenken. Also fällt es auch heute einem Kind, das unter Stress steht, schwer, folgerichtig zu denken. Ebenso wenig vermag es zu lernen, seine Hausaufgaben zu machen oder sich der jeweiligen Situation entsprechend zu verhalten.
Die wichtigste Schlussfolgerung aus zwanzig Jahren Forschung zum Thema Lernen und Gehirn ist: Damit ein Kind lernen kann, muss es sich in der Schule sicher fühlen. Lernen unter Stress ist unmöglich. Forschungsergebnisse

Frage: Kann die Technik der Transzendentalen Meditation Stress vermindern?
Antwort

Dr. Stixrud: TM spielt eine wichtige Rolle in der Verminderung von Lern- und Aufmerksamkeitsstörungen. Mit Hilfe der TM haben Kinder in vielen Schulen derartige Probleme sehr eindrucksvoll überwinden können. Forschungsergebnisse

Frage: Ich habe ADHS und kann einfach nicht stillsitzen, nicht einmal eine Minute. Kann ich die Transzendentale Meditation denn überhaupt ausüben?
Antwort

Dr. Grosswald: Die Transzendentale Meditation hat einen grossen Vorteil: Sie ist mühelos. Die Gedanken kommen zur Ruhe. Auch der Körper kann sich ganz natürlich (im wahrsten Sinn des Wortes) »zur Ruhe setzen«. Dadurch fällt es uns leicht, bequem und entspannt ruhig zu sitzen. Auch nach dem Meditieren hält die innere Ruhe eine Weile an. Und mit der Zeit fühlen wir uns insgesamt ausgeglichener und gelassener. Die bisherige Unruhe legt sich. Gerade deshalb wird TM Erwachsenen und Kindern empfohlen, die unter Ruhelosigkeit leiden. Auch das macht die Transzendentale Meditation einzigartig.

Dr. Krag: Die Aufmerksamkeitsspanne von Menschen mit ADHS unterliegt Schwankungen. In bestimmten Situationen können sie sich nur schwer konzentrieren. In anderen beharren sie übermässig auf einer bestimmten Sache. Für einen Menschen mit ADHS ist Transzendentale Meditation nicht nur leicht anzuwenden, sondern auch sehr zu empfehlen. Ob sie ADHS vollständig heilen kann, vermag ich noch nicht zu sagen. Aber ich konnte zumindest einen bemerkenswerten Rückgang der Symptome beobachten. Forschungsergebnisse

Frage: Als Kind hatte ich ADHS. Auch heute habe ich noch immer Schwierigkeiten, mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Wird mir die Transzendentale Meditation helfen, dieses Problem besser in den Griff zu bekommen?
Antwort

Dr. Grosswald: Ja, das bestätigen unsere Forschungsergebnisse. Die TM-Technik hilft sowohl Erwachsenen als auch Kindern. Sie ist einfach zu erlernen und auszuüben. Wir brauchen dafür keinerlei Konzentration oder Aufmerksamkeit. Aber nach der Meditation sind wir konzentrierter, einfach, weil das Gehirn dann besser arbeitet. Während wir mit geschlossenen Augen dasitzen und meditieren, bilden sich neue Gehirnverbindungen, wodurch sich unsere Aufmerksamkeit und Konzentration im Alltag verbessert.

Viele Symptome der ADHS sind auf Stress zurückzuführen. Stress setzt den präfrontalen Cortex, einen bestimmten Bereich der Grosshirnrinde, quasi ausser Gefecht. Das erschwert die Konzentration. Nimmt der Stress ab, steigen Aufmerksamkeit und Konzentration an. Zudem können wir dann mit Stress gelassener umgehen und überlegter handeln. Eine unserer Studie zeigt: Bereits drei Monate, nachdem Kinder mit der Ausübung der Transzendentalen Meditation begonnen hatten, konnten sie ihre Aufmerksamkeit steigern – um 20 Prozent! Auch das Erinnerungsvermögen, das Organisationsvermögen und das allgemeine Verhalten verbessern sich. Ausserdem vermindern sich Ängstlichkeit, Zorn und Depressionen, und die Emotionen sind ausgeglichener.

Dr. Krag: Jeder mit langjähriger ADHS weiss: Ist man ausgeruht, zeigen sich weniger ADHS-Symptome, als wenn man müde und unruhig ist. TM hilft, sich insgesamt ruhiger und stabiler zu fühlen. Somit hilft TM auch, die Probleme mit ADHS zu verringern. Forschungsergebnisse

Frage: Eine grosse Herausforderung bei ADHS ist die mangelnde Impulskontrolle. Wenn ein Kind andere Menschen ständig unterbricht oder impulsiv reagiert, fühlen diese sich dadurch häufig gestört. Kann die Transzendentale Meditation hier helfen?
Antwort

Dr. Stixrud: Im Rahmen einer Pilotstudie an einer Mittelschule haben Kinder mit ADHS Transzendentale Meditation erlernt. Nach drei Monaten fragten wir sie: »Was fällt Euch auf?« Nahezu alle Kinder sagten: »Ich fühle mich weniger gestresst und mehr entspannt.« Die meisten sagten auch: »Ich organisiere mich besser. Ich kann meine Hausaufgaben besser erledigen. Meine Eltern brauchen mir nicht zu helfen.«

Ein auffallend impulsiver Junge meinte: »Vor dem Meditieren reagierte ich so: Ging mir jemand in der Schule auf die Nerven, habe ich schnell mal zugeschlagen. Jetzt, nach drei Monaten Meditation, denke ich eher nach: Soll ich mich jetzt wirklich prügeln?« Für viele ist das vielleicht kein grosser Schritt. Aber aus der Arbeit mit impulsiven Kindern und Jugendlichen wissen wir, dass sie ihre Impulsivität nicht so einfach abstellen können. Wenn sie aber Transzendentale Meditation ausüben, reagieren sie weniger impulsiv. TM verschafft ihnen einfach mehr Zeit zwischen dem Anlass und ihrer Reaktion. Die Kinder beginnen nachzudenken, zu planen und zu überlegen, wie sie richtig entscheiden sollen. Das ist eine neu gewonnene Fähigkeit, die sie vor der Meditation nicht hatten.Forschungsergebnisse

Frage: Gibt es weitere Forschungsergebnisse, die zeigen, dass die Technik der Transzendentalen Meditation bei der ADHS helfen kann?
Antwort

Dr. Stixrud: Nach Ansicht der meisten Forscher ist ADHS eine Störung mehrerer sogenannter Exekutivfunktionen. Dieser Begriff bezeichnet die Funktionen des vorderen Teils des Gehirns. Sie steuern die geistige Kontrolle und organisatorische Fähigkeiten, die wir benötigen, um uns zielgerichtet zu verhalten. Wenn wir etwas zu erledigen haben, müssen wir fähig sein zu planen, zu organisieren und uns an bestimmte Informationen zu erinnern. Auch müssen wir uns selbst beobachten und fragen: »Wie geht es mir?«
Eine Vielzahl von Studien weist darauf hin, dass sich jede dieser höheren mentalen und kognitiven Fähigkeiten durch Transzendentale Meditation verbessert. Andere Studien zeigen, dass die TM-Technik das Zusammenspiel der Gehirnfunktionen erhöht. Das erklärt wohl, warum TM imstande ist, die so wichtigen Exekutivfunktionen des präfrontalen Cortex zu stärken.
Zudem reduziert die Transzendentale Meditation den Stress, der sich negativ auf uns auswirkt. Forschungsergebnisse

Frage: Meditation ist sicher hilfreich. Aber ich möchte, dass mein Kind aktiver und konzentrierter ist und nicht, dass es sich zurückzieht oder gar passiv wird.
Antwort

Dr. Stixrud: Manchmal befürchten Eltern, ihr Kind könnte nach der Meditation so entspannt sein, dass es seinen Antrieb verliert. Die Erfahrung zeigt jedoch das genaue Gegenteil.
In der Tat bewirkt die Transzendentale Meditation eine tiefe Entspannung. Sie wirkt aber auch erfrischend und belebend. Gerade diese einzigartige Kombination hat viele positive Effekte: Das Gehirn wird aktiviert, während der Körper tief entspannt ist. Wer meditiert, verliert keineswegs seinen Antrieb. Im Gegenteil - es fällt ihm sogar leichter, den »inneren Motor« wieder in Schwung zu bringen.
TM-Ausübende verschwenden ihre Energien nicht mehr mit Sorgen oder Angst. Sie sind motivierter, zielstrebiger und planen besser. Kinder, die in der Schule regelmässig TM praktizieren, sind sehr erfolgreich - in allen Fächern, auch in Kunst und im Sport. Wir brauchen also nicht zu befürchten, dass unsere Kinder durch TM passiv werden oder ihren Antrieb und ihr Interesse verlieren. Genau das Gegenteil ist der Fall. Forschungsergebnisse

Frage: Wenn ich kleine Kinder habe, auch eines mit ADHS – wird es mir dann überhaupt möglich sein, selbst zu meditieren?
Antwort

Dr. Krag: Natürlich ist es nicht so einfach, sich die Zeit für die Meditation zu nehmen, wenn man kleine Kinder hat. Man muss sich gut organisieren und benötigt gegebenenfalls Unterstützung durch den  Partner. Die TM als solche ist eine friedvolle, sehr angenehme Erfahrung. Wir geniessen sozusagen einen 20-minütigen Urlaub. Aber sie ist natürlich kein Selbstzweck. Vielmehr geht es darum, Ruhe in den Alltag zu bringen und die Tagesabläufe zu verbessern. Als Eltern eines Kindes mit ADHS brauchen Sie all Ihre Energie und Aufmerksamkeit. Die Transzendentale Meditation hilft Ihnen, selbst zur Ruhe zu kommen und ihre Energiereserven wieder aufzufüllen. Dann strahlen Sie mehr Ruhe aus, und darauf reagiert Ihr Kind wiederum positiv. Forschungsergebnisse